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"Das Ehrenamt im Sportverein" - eine Stellungnahme des SSB Münster

"Erst backen wir den Kuchen, dann spenden wir ihn, dann schieben wir unseren Dienst und verkaufen den Kuchen, und zuletzt sehen wir zu, daß wir den übriggebliebenen Kuchen auch noch selber kaufen" (aus: TG Steinheim - Der Turnerschaftskrätscher, Nr.18).

Dies ist eine, zugegeben sehr pointierte, Beschreibung ehrenamtlicher Tätigkeit im Sportverein, wie sie treffender kaum ausfallen könnte. Sie macht aber auch deutlich, daß ohne ehrenamtliches Engagement im Sportverein nichts läuft.

Das Thema 'Ehrenamt' ist im Sport eigentlich ständig präsent.

Bereits 1988 hat der Stadtsportbund eine Informationsveranstaltung zum Thema 'Haupt-und Ehrenamtlichkeit' durchgeführt. Im Jahr 1993 hat der Landessportbund NRW das Jahr des Ehrenamtes proklamiert, eingebettet in das gemeinsame Handlungsprogramm des seinerzeitigen Kultusministers NRW und des LSB NW "Ehrenamt im Sport in Nordrhein Westfalen". In über 400 Veranstaltungen wurde versucht, den Fragen und Problemen des ehrenamtlichen Engagements nachzugehen. Das gemeinsame Fazit beider Institutionen fiel wie folgt aus: " Dieses Jahr des Ehrenamtes 1993 hat die Grundlage dafür geschaffen, daß nunmehr weitere Konzepte für die Unterstützung und Verstärkung des ehrenamtlichen Engagements im Sport in NRW entwickelt und in die Tat umgesetzt werden können. Nur wenn es gelingt, die Ressource "Solidarität" für das Gemeinwohl unseres Landes zu erhalten, kann allen Bürgern/innen ein angemessenes Sportangebot unterbreitet werden". Im Oktober 1995 haben u.a. das Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes NRW und der LSB NW einen Workshop zum Thema "Das Ehrenamt im Sport und in sozialen Bereichen" in Köln durchgeführt. Eine Dokumentation hierzu liegt vor. Als interessant bleibt hier anzumerken, daß " es auch heute noch Frauen sind, die ca. 80% der ehrenamtlichen unbezahlt geleisteten Arbeit ausführen, während Männer die gleiche Menge der Ehrenämter inne haben".

DOSB-Präsident M. von Richthofen hat bei der Anhörung "Ehrenamt" am 6.11.95 in Berlin ein Grundsatzreferat gehalten. In der Folge einige Anmerkungen als 'Position des Sports' im Zitat. "Das Ehrenamt, so wurde kürzlich einmal bissig, aber treffend kommentiert, ist ein Amt, das nichts einbringt, Ehre am allerwenigsten. Und dies darf man wohl kaum als gutes Zeichen werten in einer Zeit sich ausbreitender Tendenzen des Egoismus und Individualismus. Damit läßt fast zwangsläufig die Bereitschaft nach, sich ehrenamtlich zu engagieren und dem Wohl der Allgemeinheit uneigennütziges Interesse entgegenzubringen. Das kann sehr schnell zu dramatischen Folgen führen in einem Land, dessen gesamtes Vereinsgefüge weltweit nichts Vergleichbares hat und ein ebenso weitverzweigtes wie einmaliges soziales Netz von immer noch großer Tragfäfigheit bildet.
Laut Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Freizeit, die sich auf Erhebungen des Statistischen Bundesamtes beruft, sind heute 11,95 Mio Bundesbürger auf irgendeine Weise ehrenamtlich tätig. Sie leisten jährlich mindestens 2,8 Milliarden Stunden Arbeit, was eine Wertschöpfung von 48 Milliarden DM ergibt".

Auf Münster übertragen hieße dies, daß, geringfügig geschätzt, ca. 5000 Ehrenamtliche im Sport mit ca. 4 Wochenstunden bei 40 Wochen im Jahr bei einem 'Stundenlohn' von 16 DM eine Wertschöpfung von ca. 12,8 Mio DM für die Stadt und ihre Bürger erarbeiten.

M. von Richthofen führt weiter aus: " Im Sport, der mit 2,5 Mio Mitarbeitern/innen in 84.000 Vereinen das Hohelied des Ehrenamtes schon aus Gründen der Tradition und Selbsterhaltung besonders laut anstimmt, sind die Abwärtstrends bereits deutlich spürbar.... Es wird auf allen Ebenen immer schwieriger mit der Gewinnung von Menschen, die über den Tellerrand ihrer individuellen Bedürfnisse hinausschauen, Daß dies zum Teil auch in Alltagssorgen und Existenzängsten begründet liegt, sollten wir in unserer Situationsanalyse allerdings nicht ignorieren".

Als Lösungsweg aus diesem Dilemma sieht von Richthofen " die Steigerung der gesellschaftlichen Attraktivität des Ehrenamtes".
"Es muß ein Prozeß in Gang gesetzt werden, der dazu führt, daß das Ehrenamt mehr Sympathie, ein besseres Image und wachsende Anerkennung erhält. Es gilt, dem Paradox entgegenzuwirken, daß in unserer Gesellschaft ehrenamtliches Engagement zwar vorausgesetzt wird, jedoch die entsprechende gesellschaftliche Anerkennung ausbleibt. Mit zeitgemäßen Formen der Anerkennung und mit modernen Ausbildungs- und Personalprogrammen bemüht man sich um flankierende Maßnahmen, wobei insbesondere auch Jugendliche, Frauen und Senioren anzusprechen und zu begeistern sind.
Grundsätzlich gilt es also, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für ehrenamtliche Tätigkeit positiv zu verändern".

Interessant aus unserer Sicht sind sicher auch die Gedanken des höchsten Sportbeamten in NRW, Ministerialdirigent Johannes Eulering, zum Ehrenamt im Sport, die er anläßlich der Feierlichkeiten zu '20 Jahre Freiburger Kreis' im Jahr 1994 gemacht hat:
'Der Sportverein ist nicht nur ein Ort, wo Bewegung und Spiel, wo Gesundheit und Lebenskultur tradiert werden, sondern er ist auch ein Ort, wo Gemeinsinn und Solidarität noch gelebt, ja er ist ein Ort, wo diese Werte erzeugt und eingeübt werden. Gemeinsinn und Solidarität sind die Grundlagen der Politikfähigkeit des Sports und seiner wichtigen Aufgabe: der Sozialen Offensive".

"Die Tatsache, daß es zunehmend schwerer wird, für die vielen ehrenamtlichen Aufgaben in den Sportvereinen Mitarbeiter/innen zu finden, ruft nach neuen Lösungsversuchen. Als Zeitzeuge kann ich sagen: am Anfang stand nicht die Skepsis, die aus den einleitenden Worten des neugewählten Bischofs von Berlin-Brandenburg, Prof.Huber, spricht, der bei der fulminanten Auftaktveranstaltung zum Jahr des Ehrenamtes im Landtag ein Grundsatzreferat gehalten hat. "Staatliche Aufrufe zu ehrenamtlicher Tätigkeit sind zwiespältig", so sagte er, "in Deutschland zumal, denn die Förderung des Ehrenamtes durch den Staat weckt die Befürchtung, es solle bürgerschaftliches Engagement in den Dienst vordergründiger staatlicher Interessen gestellt, entsprechend domestiziert und vor allem kostensparend eingesetzt werden." Sprecher des Sports versuchen, die ehrenamtlichen Leistungen im Sport in Geldwert umzurechnen. Ich bezweifle den Wert dieser Argumente. Wird damit nicht die Entwicklung zur 'bezahlten Beziehung' noch unterstrichen, wird durch eine solche Umrechnung der Ersatz ehrenamtlicher Tätigkeiten durch Geldwerte Leistungen nicht noch unterstützt?

Es erscheint in unserer Gesellschaft andere Tendenzen zu einer Art Wiederentdeckung des Ehrenamtes zu geben. Standen einst Bürgersinn oder öffentliches Ansehen im Vordergrund, brachte der Amtsinhaber die Ehre mit, so müssen heute wohl mehr die eigene Persönlichkeitsentfaltung, die Selbsterfahrung, die innere Anerkennung in den Mittelpunkt der Motivsuche stellen. Vor allem ältere Menschen nutzen zunehmend Ehrenämter, um die erheblich verlängerte Lebensspanne nach der beruflichen Tätigkeit zu gestalten.

Das Ehrenamt kann zum Lebensort werden, wo soziale Kompetenz erworben und ausgeübt wird - nach einem Slogan, den ich von einem amerikanischen Wissenschaftler notiert habe:" Zur Elite der Zukunft wird gehören, wer sich um das Gemeinwohl kümmert"."

Aus dieser Darstellung zum Ehrenamt lassen sich sicherlich viele grundsätzlichen Aussagen ableiten, die für den Sport und den Erhalt eines seiner Grundpfeiler, das Ehrenamt, von großer Bedeutung sind:

  • Gemeinsinn und Solidarität müssen mehr in den Vordergrund rücken
  • Eigene Persönlichkeitsentfaltung, Selbsterfahrung, innere Anerkennung müssen in den Mittelpunkt der Motivsuche gestellt werden
  • Ältere Menschen müssen verstärkt für das Ehrenamt angesprochen werden, aber auch Jugendliche
  • Die Entwicklung zur 'bezahlten Beziehung' muß gestoppt werden
  • Das Ehrenamt sollte zum Lebensort werden, wo soziale Kompetenz erworben und ausgeübt wird.

In der Summe heißt dies, daß es zwar viele flankierende Maßnahmen zur Aufwertung des Ehrenamtes im Sport geben kann, daß man aber vorrangig das Augenmerk auf die Schaffung eines positiven Bewußtseins, einer positiven Grundeinstellung zum Ehrenamt, bei allen Altersgruppen legen sollte.

Das Ehrenamt ist keine Frage des Geldes! Diese Meinung teilt auch der SSB Münster.

Flankierende Maßnahmen können sein:

  • Qualifizierungen
  • Ehrungen
  • Aufwandsentschädigungen
  • Zuschüsse
  • Zusatzrente
  • Steuererleichterungen etc

All dies können nur flankierende Maßnahmen, die im Amt befindlichen Ehrenamtlichen als kleines Dankeschön für ihre Arbeit angeboten werden können. Sie werden aus unserer Sicht nicht dazu führen, bisher nicht im Ehrenamt Aktive zum Ehrenamt zu "locken".

Das Ehrenamt in unserer heutigen Gesellschaft muß wieder als erstrebenswert bewertet und positiv besetzt werden.

Vorrangig sollten also Imagekampagnen laufen, immer begleitet von einer positiven Berichterstattung aus der täglichen ehrenamtlichen Arbeit in allen Medien.

Zum Beipiel wäre eine Plakataktion denkbar, die, ähnlich wie die des DSB zur Aktion 'Sportvereine - für alle ein Gewinn!', auf kommunaler Ebene mit kommunalen Bezügen laufen könnte.